DialogMomente
Andrea Schmidt
Transformativ coaching
Stell dir vor, du trägst eine Brille, von der du gar nicht weißt, dass du sie aufhast. Die Gläser dieser Brille sind durch deine bisherigen Erfahrungen, deine Erziehung und gesellschaftliche Prägungen gefärbt. Genau das tun Glaubenssätze und innere Antreiber. Sie steuern unbemerkt, wie du Situationen bewertest, welche Emotionen du fühlst und wie du schlussendlich handelst.
Wer lernt, diese inneren Muster zu durchschauen und gezielt neu auszurichten, gewinnt die Kontrolle über das eigene Leben zurück. Das japanische Lebenskonzept IKIGAI bietet dabei einen kraftvollen Orientierungsrahmen.
Glaubenssätze: Die Filter unserer Wahrnehmung
Glaubenssätze sind tief verankerte Annahmen über uns selbst, andere Menschen und die Welt im Allgemeinen. Sie entstehen meist in der Kindheit und verfestigen sich im Laufe des Lebens durch Wiederholung und Bestätigung (Confirmation Bias).
Wie Glaubenssätze auf Wahrnehmung und Handeln wirken
Unser Gehirn filtert täglich Milliarden von Informationen. Glaubenssätze dienen als Abkürzung, um diese Informationsflut zu strukturieren. Das Problem: Wir nehmen bevorzugt das wahr, was unsere Glaubenssätze bestätigt.
Der Mechanismus:
Glaubenssatz —> Wahrnehmungsfilter —> Gefühl —> Handlung —> Ergebnis (Bestätigung)
Beispiel (Negativ spiralend):
Wer den Glaubenssatz "Ich bin nicht gut genug im Präsentieren" verinnerlicht hat, wird vor jedem Vortrag extrem nervös sein. Das Gehirn fokussiert sich während des Redens auf das eine gähnende Gesicht im Publikum. Die Folge: Verhaspeln, Unsicherheit und am Ende das Gefühl: "Siehst du, ich kann es einfach nicht."
Die 5 inneren Antreiber: Der Motor deines Handelns
In der Transaktionsanalyse beschreiben die 5 inneren Antreiber nach Taibi Kahler unbewusste Verhaltensmuster, die uns antreiben, um Anerkennung, Sicherheit oder Wertschätzung zu erlangen. Sie sind nicht per se schlecht – sie verleihen uns Stärken, können aber unter Stress zur Falle werden.
Antreiber
„Sei perfekt“
Hohe Qualität, Genauigkeit, Sorgfalt
Detailverliebtheit, Überlastung, Prokrastination aus Angst vor Fehlern
„Mach es allen recht“
Empathie, Teamfähigkeit, Harmonie
Mangelnde Abgrenzung, Überforderung, Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
„Streng dich an“
Ausdauer, Engagement, Einsatzfreude
Mühe wird über das Ergebnis gestellt; einfaches Gelingen fühlt sich "unverdient" an
„Sei stark“
Belastbarkeit, Unabhängigkeit, Krisenfestigkeit
Unfähigkeit, Hilfe anzunehmen oder Gefühle/Schwächen zu zeigen
„Beeil dich“
Schnelligkeit, Effizienz, Flexibilität
Hektik, Flüchtigkeitsfehler, innere Unruhe, Burnout-Risiko
Lichtseite (Stärken)
Schattenseite (Fallen)
alte Denkweise
Neue Denkweise
"Fehler zeigen, dass ich unfähig bin."
"Fehler sind Feedback und wertvolle Lerneinheiten auf meinem Weg. Sie zeigen, dass etwas fehlt, was ich jetzt lerne.“
Ich muss alles alleine schaffen, sonst bin ich schwach."
"Hilfe anzunehmen ist ein Zeichen von Klarheit und Stärke."
"Ich bin halt so, daran kann ich nichts ändern."
Ich entwickle mich jeden Tag weiter und bestimme mein Verhalten selbst."
Lichtseite (Stärken)
Schattenseite (Fallen)
Du bist verlässlich, schätzt die Zeit anderer wert, kannst dich gut organisieren und genießt hohes Vertrauen bei Mitmenschen.
Schon kleine Verzögerungen außerhalb deiner Kontrolle (Stau, Zugausfall, rote Ampeln) lösen enorme innere Unruhe, Panik oder Wut aus. Du setzt dich ständig unter Zeitdruck und bist eventuell auch mit anderen sehr streng, wenn diese sich verspäten.
Dieser Glaubenssatz entspringt meist einer Kombination aus den inneren Antreibern „Beeil dich!“ und „Sei perfekt!“. Dahinter steckt oft die unbewusste Befürchtung: „Wenn ich unpünktlich bin, bin ich unzuverlässig, respektlos oder verliere das Ansehen anderer.“
Die beiden Seiten dieses Glaubenssatzes:
Glaubenssätze und innere Antreiber wirken automatisch – aber nur so lange, wie sie unbewusst bleiben. Sobald du deine Muster erkennst, verliert die alte Brille ihre Macht. Durch die gezielte Umformulierung in ein positives Mindset richtest du deinen Blick wieder auf das, was möglich ist, statt auf das, was dich begrenzt.
Vom Mangel zum Wachstum: Beispiele für ein positives Mindset
Ein positives Mindset bedeutet nicht, Probleme schönzureden oder toxischen Positivismus zu betreiben. Es bedeutet, ein Growth Mindset (Wachstumsdenken nach Carol Dweck) zu etablieren: Die Überzeugung, dass Fähigkeiten und Glaubenssätze veränderbar sind.
Hier sind Beispiele, wie sich einschränkende Glaubenssätze und Antreiber in stärkende Denkweisen transformieren lassen:
Der Realitäts-Check
Mögliche Umformulierungen (Stärkende Glaubens- und Erlaubnissätze)
Je nachdem, wo deine größte Belastung liegt, wähle eine Variante, die sich für dich am stimmigsten anfühlt:
Fokus auf Gelassenheit bei Unvorhergesehenem:
„Ich lege Wert auf Pünktlichkeit, aber wenn etwas Dazwischenkommt, bleibe ich ruhig und kommuniziere es rechtzeitig.“
Fokus auf Selbstwert:
„Mein Wert als Mensch und meine Zuverlässigkeit hängen nicht von einer unverschuldeten Verspätung ab.“
Fokus auf Selbstfürsorge vs. Äußerer Druck:
„Pünktlichkeit zeigt Respekt vor der Zeit anderer – Gelassenheit zeigt Respekt vor meiner eigenen Gesundheit.“
Konkreter Transfer für den Alltag
Wenn du das nächste Mal merkst, dass du in Hektik gerätst:
Wie Glaubenssätze und IKIGAI zusammenhängen
Indem du deine inneren Blockaden abbaust, kannst du dein IKIGAI freilegen: Du nutzt deine echten Stärken (statt nur die Erwartungen anderer zu erfüllen) und richtest deine Handlungen bewusst an deinen Werten aus.
Diese Übung nutzt die Methode der kognitiven Umstrukturierung. Nimm dir etwa 20 bis 30 Minuten Zeit, ein Notizbuch und einen ruhigen Ort. Gehe die fünf Schritte nacheinander durch und beantworte die Fragen ehrlich und ohne Selbstzensur.
Schritt 1: Das Mustersuchen – Wo blockierst du dich?
Negative Glaubenssätze zeigen sich meist in wiederkehrenden Emotionen (wie Frustration, Scham oder Angst) oder in Vermeidungshaltungen.
Journaling-Fragen:
Schritt 2: Die Ursprungsanalyse – Schutzfunktion verstehen
Kein Glaubenssatz entsteht ohne Grund. Oft dienten sie früher als Schutz vor Ablehnung oder Überforderung.
Journaling-Fragen:
Schritt 3: Der Realitäts-Check – Die Illusion auflösen
In diesem Schritt überprüfst du den Wahrheitsgehalt deiner bisherigen Überzeugung wie ein unvoreingenommener Beobachter.
Journaling-Fragen:
Schritt 4: Die Neugestaltung – Den stärkenden Satz formulieren
Formuliere deinen alten Glaubenssatz in eine stärkende Überzeugung um.
3 Regeln für den neuen Glaubenssatz:
Positiv formulieren: Vermeide Worte wie „nicht“, „kein“ oder „nie“.
Realistisch bleiben: Der Satz muss sich für dich stimmig und erreichbar anfühlen (keine unrealistischen Positiv-Floskeln).
Gegenwart nutzen: Formuliere im Hier und Jetzt („Ich darf...“, „Ich bin in der Lage...“).
Journaling-Fragen:
Beispiel-Transformation:
Alt: „Ich muss alles alleine schaffen, sonst bin ich eine Last.“
Neu: „Ich trage die Verantwortung für mich und darf mir jederzeit Unterstützung holen.“
Schritt 5: Der Transfer – Vom Aufschreiben ins Handeln
Ein neuer Glaubenssatz verankert sich erst durch neue Erfahrungen.
Journaling-Fragen:
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